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August 18, 2016

Siegfried J. Schmidt:Kalte Faszination – S. 42

Der Autor spricht davon, dass die Definition, was wir als Wirklichkeit ansehen, immer mehr operativen und pragmatischen Kriterien entsprechen muss, nicht ontologischen. Hinzu kommt, dass die Wirklichkeitskonstruktion immer mehr kontextualisiert und prozessualisiert wird, also abhängiger wird von unterschiedlichen sozialen Kontexten und durchlaufenen Prozessen. Damit findet eine Verzeitlichung und Kontingenzbildung von Wirklichkeitskonstruktionen statt.

Dies kann ich nur unterstreichen. Ich gehe davon aus, dass wir immer pragmatischer und Diskurs-orientierter Wirklichkeit entwerfen und von anderen die Akzeptanz dieser Wirklichkeit einfordern (Erwartungserwartung). Ich habe dies häufig im Arbeitsumfeld kennen gelernt. Es gilt als richtig, was in dem sozialen Kontext, also dem Team oder der Abteilung als wahr angesehen wird. Hier musste ich meine Vorstellung als Fachmann dieser kontext-orientierten Wahrheit häufig unterordnen ohne die Möglichkeit einer Diskussion. 

Der Autor spricht davon, dass der Gesamtprozess der Wirklichkeitskonstruktion in 3 Prozessbereich eingeteilt werden kann.

  1. Poiesis (Handlung und Interaktion)
  2. Kognition
  3. Kommunikation

Ich muss mir überlegen, wie ich diese drei Prozessbereiche in meine Üerlegungen inbeziehen kann. Im Moment ist mir das nicht ganz klar. Es ist auch schwierig, weil ich davon ausgehe, dass diese drei Prozessbereich sich während der praktischen Arbeit in einem ständig Kreislauf befinden. Anfang und Ende des Kreises können dabei nicht so einfach den Handlungen zugeordnet werden, schon deshalb, weil sie teilweise nur im Geiste ablaufen (Kognition).

In allen drei Bereichen dominiert die Systemspezifik, nicht die Realitätsspezifik.

Ich gehe davon aus, dass verwendete Sprachen, Medien, Werkzeuge und deren Axiome in der Anwendung von großer Bedeutung bei der Festlegung der Systemspezifik sind. Mathematische Sprachen erlauben beispielsweise nur bestimmte Arten von Wirklichkeiten. Die übliche Art von genutzten Medien führt beispielsweise dazu, dass aufgrund der Beschränktheit der Dimensionen Raum und Zeit, eine Verdrängung zwischen möglichen Wahrheiten statt finden muss, um die begrenzten Ressourcen sinnvoll zu nutzen. Diese Verdrängung ist wiederum abhängig vom sozialen Kontext (Diskurs). Dies führt zu einer scheinbar sachlich begründeten Überbetonung der Diskurs-Wahrheiten (Immanenter Negierungsmythos).

Facebook zeigt sehr deutlich, wie groß der Einfluss von Werkzeugen und deren Medien und Sprachen bei der Wirklichkeitskonstruktion sind. Es zeigt auch sehr schön den Immanenten Negierungsmythos, denn je mehr Individuen eine Wahrheit teilen, desto mehr wird die Wahrheit akzeptiert. Facebook stellt hier keine Ausnahme dar, sondern ein plakatives Beispiel. Ein anderes Beispiel sind Verkaufsportale für Plays und Likes bei Musikportalen wie Soundcloud. Durch das Kaufen von Plays, wandert die Musik eines Künstlers in der Aufmerksamkeit der Gemeinde nach oben und damit wird die Chance erhöht, mehr Plays zu bekommen. 

Die Abhängigkeit von den Diskurs-Komponenten Sprache, Medium, Werkzeug und Axiom wird kulturelle verschleiert. Eine wichtige Verschleierungskomponente ist die Annahme, dass ein erwacsenes menschliches Individuum sich über die entstehenden Konventionen vollkommen hinweg setzen kann, wenn es nur will (Wille) und sich anstrengt (Bereitschaft). Hinzu kommt, dass die Akzeptanz dieser Tatsache dazu führt, dass Wirklichkeitsmodelle, die kommuniziert werden, nicht mehr legitimiert werden können, weil sie ja von vorne herein als „anrüchig“ gelten müssten. Es kommt also die Komponente des Selbstschutzes der kommunizierenden hinzu. Da die Komponenten aber ihre eigenen Axiome in der Anwendung besitzen, bestimmen die Axiome der Komponenten entscheidend mit, was Wirklichkeit ist. Je ausgereifter die Komponenten sind, desto mehr wird ein sich über die Konventionen hinweg setzen, ein Lippenbekenntnis oder ein notwendiges Verlassen des sozialen Systems (Outing). Ein sehr gutes Beispiel ist hierbei der Hochgeschwindigkeitshandel im Börsengeschäft. Ein Broker, der es ablehnt, muss das System verlassen. Hiier zeigt sich ein weiteres Symptom unserer Kultur. Es gibt eine Tendenz in Vorstellungen, dass Reformen von Diskursen sinnlos sind und deshalb ein Verlassen des Diskurses (Diskurs-Exit) bei Ablehnung von Aspekten notwendig wird.

Luhman spricht davon, dass „Realität nicht mehr konsenspflichtig ist.“

Dies bestärkt mich, denn ich gehe davon aus, dass Lumann damit meint, dass die Wahrheiten eines Diskurses nicht mehr als reformfähig angesehen werden. Es wird davon ausgegangen, dass der Diskurs gewechselt oder aufgelöst werden muss. Konsens der Realität ist dann nicht mehr nötig, sondern nur die Konsens dem System und Diskurs gegenüber. Es birgt aber sehr große Gefahren bezüglich der Ideologisierung der Kultur und der Ausgrenzung von kulturellen Gruppen. Dies hat vier Folgen.

  1. Wahrheit benötigt nur eine bestimmtes Niveau der Öffentlichkeit, um als wahr angenommen zu werden. (Kontextualisierung)
  2. Wahrheit unterliegt medialen Wellenbewegungen, die abhängig sind von anderen medialen Wellen (Prozessualisierung)
  3. Es findet eine Bewertung der gesamten Gruppe statt, die diesem öffentlichen Bereich von außen zugeordnet wird. Die Wahrheit muss nicht mehr diskutiert werden. Es ist von vorn herein klar, was wahr ist. (Ideologisierung/Ausgrenzung)
  4. Es wird immer wichtiger, den „richtigen“ Diskurs bzw. die richtige Gruppe zu wählen, um die richtige „Wahrheit“ zu vertreten. (Ideologisierung)

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